DIE BEITRÄGE IM ÜBERBLICK
ECREA-Konferenz
Shifting Grounds of Game Journalism: Role Orientations, Platformization, and Professional Challenges in German-Speaking Media
Dr. Benjamin Bigl (IJ)
Der Beitrag untersucht den Wandel des deutschsprachigen Spielejournalismus unter Bedingungen von Plattformisierung, ökonomischem Druck und hybriden Berufsrollen. Interviews und erste Ergebnisse einer laufenden quantitativen Befragung von Game-Journalisten zeigen, dass kulturelle Vermittlung und gesellschaftliche Orientierung zentrale Rollenbilder darstellen, während Reichweitenabhängigkeit, prekäre Arbeitsbedingungen und Nähe zu PR und Plattformen als Herausforderungen wahrgenommen werden. Spielejournalismus erscheint damit als professionelles Feld mit zunehmend unscharfen Grenzen und hohem Legitimationsdruck.
The 'Great Game' of media and politics in Africa: How geopolitics and BRICS+ media intervention shape newsroom practices in sub-Saharan Africa - A comparative study in seven African countries
Prof. Susanne Fengler (IJ, EBI)
Der Beitrag untersucht die Rolle von BRICS+-Akteuren bei der Transformation von Medienökosystemen und journalistischen Praktiken in Subsahara-Afrika im Zeitraum tiefgreifender geopolitischer Veränderungen und eines zunehmenden Rückzugs westlicher Medienförderung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie China, Russland, die Golfstaaten, Iran, Türkiye und Katar durch Infrastrukturinvestitionen, Content-Partnerschaften, journalistische Ausbildungsprogramme und digitale Medienangebote Einfluss auf lokale Nachrichtenproduktion und professionelle Normen nehmen. Während diese Aktivitäten häufig als Beitrag zur Überwindung westlich geprägter Narrative und zur Stärkung medialer Souveränität dargestellt werden, legen bisherige Forschungen nahe, dass sie zugleich eigene geopolitische Interessen und staatlich geprägte Deutungsangebote vermitteln.
Die Präsentation stellt erste Ergebnisse eines seit September 2025 laufenden, dreijährigen Forschungsprojekts vor, das BRICS+-Medieninterventionen in Burkina Faso, Ghana, Kenia, Malawi, Nigeria, Tansania und Uganda vergleichend analysiert. Auf Grundlage einer kontextsensitiven Meta-Analyse werden Unterschiede zwischen den Ländern hinsichtlich politischer Systeme, Pressefreiheit, kolonialer Vergangenheit und der jeweiligen Intensität externer Medienaktivitäten berücksichtigt. Erste Befunde aus Nigeria weisen auf eine besonders starke Position Chinas hin, das über CGTN, Xinhua und Ausbildungsprogramme entwicklungs- und staatsorientierte Nachrichtenrahmungen fördert. Russland ist vor allem durch digitale Angebote wie RT und Sputnik sowie durch diplomatische Kommunikationsaktivitäten präsent, die multipolare und westkritische Sichtweisen auf globale Politik verbreiten.
Der Beitrag leistet damit einen Beitrag zur Debatte über die geopolitische Neuordnung internationaler Medienstrukturen und die Zukunft journalistischer Autonomie im Globalen Süden. Er zeigt, wie sich veränderte internationale Einflusskonstellationen auf Medienorganisationen, journalistische Routinen und öffentliche Deutungsmuster auswirken können.
Local journalism and beyond: Mapping the diversification of local information sources in today’s media ecosystem
Prof. Wiebke Möhring (IJ), Prof. Leyla Dogruel (Universität Erfurt), Dr. Jakob Henke (Universität Erfurt)
Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich das lokale Medienrepertoire der Nutzenden zusammensetzt und welche Quellen genutzt werden, um sich über spezifische lokale Szenarien zu informieren. Im Mittelpunkt steht eine Beschreibung der sich diversifizierenden und fragmentierenden Informationsangebote und damit die Frage, welchen Stellenwert Lokaljournalismus darin noch hat. Während lokale Informationen traditionell vor allem durch Zeitungen sowie Radio- und Fernsehangebote bereitgestellt wurden, hat die digitale Transformation das Spektrum relevanter Quellen deutlich erweitert. Neben journalistischen Angeboten nutzen Bürger:innen heute beispielsweise kommunale Informationskanäle, Social-Media-Angebote, Nachbarschaftsgruppen, Messenger-Dienste und persönliche Netzwerke.
Der Beitrag untersucht, welche Quellen von Nutzenden überhaupt als lokale Informationsquellen wahrgenommen werden und in welchen Nutzungssituationen sie auf welche Quellentypen zurückgreifen. Grundlage sind vier moderierte Online-Gruppendiskussionen mit insgesamt 21 Teilnehmenden sowie eine repräsentative Bevölkerungsumfrage in Deutschland (n=2.069). Betrachtet werden journalistische, institutionelle, gemeinschaftsbasierte und interpersonale Quellen für die Szenarien Kommunalwahl, Straßenbaumaßnahmen und Stadtteilfest.
Die Ergebnisse weisen auf hybride und pragmatische Informationsrepertoires hin: Die Wahl der Quellen orientiert sich häufig an Zugänglichkeit und persönlicher Relevanz. Lokaljournalismus wird zwar weiterhin eine besondere inhaltliche Tiefe zugeschrieben, digitale Netzwerke und offizielle kommunale Quellen werden jedoch in allen Szenarien als wichtiger eingeschätzt.
Diverging Digital Futures: A Comparative Analysis of Approaches to Public Service Platforms in UK and German Media Policy
Dominik Speck (EBI), Helen Jay (University of Westminster)
Der Beitrag untersucht vergleichend medienpolitische und organisationsstrategische Ansätze zur Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter in Deutschland und Großbritannien im Zeitraum von 2015 bis 2025 auf Grundlage einer Dokumentenanalyse. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Medienpolitiker:innen sowie Rundfunk- und Regulierungsorganisationen die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien in einem zunehmend von Plattformlogiken, algorithmischen Systemen und KI geprägten digitalen Umfeld konzipieren.
Während sich die Reformen im Vereinigten Königreich bislang vor allem auf die Verbreitung und Auffindbarkeit audiovisueller Inhalte konzentrieren und damit weiterhin weitgehend einer Rundfunklogik entsprechen, verfolgt Deutschland zunehmend - wenn auch vorsichtig - eine breitere Vorstellung öffentlich-rechtlicher Medien als Bestandteil eines "Digital Public Open Space", also eines digitalen öffentlichen (Diskurs-)Raums. Die Analyse zeigt, wie unterschiedliche politische und regulatorische Vorstellungen die Entwicklung digitaler Öffentlichkeiten in Europa prägen – und welche Möglichkeiten sich daraus für zukünftige digitale Räume der gesellschaftlichen Teilhabe ergeben.
Die Präsentation leistet damit einen Beitrag zur aktuellen europäischen Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, digitale Öffentlichkeit und digitale Souveränität sowie die Bedeutung öffentlicher Infrastrukturen im digitalen Raum.
Beyond the Breaking News: Mental Health, Ethical Strain, and Resilience in Emergency Journalism
Anna-Carina Zappe (IJ, EBI)
Journalismus ist durch beschleunigte Nachrichtenzyklen und zunehmenden wirtschaftlichen Druck geprägt. In diesem Kontext stellt die Berichterstattung über Notfallereignisse – etwa Unfälle, Gewaltverbrechen oder Brände – ein relevantes, bislang jedoch vergleichsweise wenig erforschtes Tätigkeitsfeld dar. Journalist:innen werden dabei regelmäßig mit Leid, Unsicherheit und erheblichem Zeitdruck konfrontiert. Da zwischen 80 und 100 Prozent der Journalist:innen im Laufe ihres Berufslebens potenziell traumatische Ereignisse erleben, sind die psychischen Folgen dieser Arbeit von besonderer Bedeutung.
Die Studie untersucht daher sowohl gesundheitliche Belastungen als auch Resilienzprozesse bei Journalist:innen in der Notfallberichterstattung. Die Befunde zeichnen ein differenziertes Bild: Kurzfristig berichten die Befragten von körperlicher Erschöpfung, erhöhtem Stress und emotionaler Betroffenheit. Auch Wochen oder Monate später können traumabezogene Reaktionen wie Intrusionen, Hypervigilanz, Misstrauen oder Vermeidungsverhalten auftreten. Als besonders belastend erweisen sich ethische Dilemmata, beispielsweise die Befürchtung, Betroffenen zu schaden, gegen eigene Werte zu handeln oder beruflich von einer Tragödie zu profitieren.
Gleichzeitig identifiziert die Studie adaptive Bewältigungsprozesse und mögliche positive Folgen. Viele Journalist:innen entwickeln Strategien zur Verarbeitung belastender Einsätze, gewinnen an beruflichem Selbstvertrauen und erfahren stärkere kollegiale Unterstützung. Resilienz wird somit nicht als stabiles individuelles Merkmal verstanden, sondern als dynamischer Prozess, der durch Erfahrung, ethische Reflexion und organisationale Rahmenbedingungen beeinflusst wird.
DGPuK-Fachgruppentagung Journalistik und Journalismusforschung
Zwischen Idealismus und Realität: Der Einfluss demokratischen Rückschritts auf die Ausübung des Rollenselbstverständnisses etablierter journalistischer und peripherer Akteur:innen in sechs EU-Ländern
Franziska Gömmel (IJ)
Der Journalismus steht heute vor großen Herausforderungen: Zum einen gerät die Demokratie selbst in einigen EU-Ländern unter Druck, was den Berufsalltag spürbar erschwert. Zum anderen öffnen sich die Grenzen der Branche: Neben klassischen Journalist:innen prägen zunehmend auch Start-ups, Blogs oder Plattformen wie WikiLeaks die öffentliche Berichterstattung. Im Rahmen des Vortrags wird eine Studie vorgestellt, die untersucht, wie sich dieser politische Wandel auf die Ausübung journalistischer Rollen bei klassischen und peripheren Medienakteur:innen auswirkt – und wie groß die Diskrepanz zwischen dem ist, was sie eigentlich tun wollen, und dem, was sie unter dem veränderten Druck tatsächlich noch umsetzen können.
Die Ergebnisse aus Interviews in sechs EU-Ländern zeigen: Sowohl etablierte als auch neue Medienschaffende tun sich immer schwerer, ihre Rolle als kritische Beobachter auszuüben. Um Vertrauen zurückzugewinnen, setzen viele verstärkt auf Transparenz und Faktenchecks. Während etablierte Redaktionen durch ihre Organisationen jedoch besser geschützt sind, stehen freie und periphere Medienschaffende oft ohne Rückhalt da. Das führt im schlimmsten Fall dazu, dass sie sensible Themen meiden oder den Beruf ganz aufgeben, was die Grenzen des Journalismus nachhaltig verschieben kann.