Journalism for everyone? Those who feel neglected by journalism and do not see their issues represented
Kristina Beckmann, Leonie Krzistetzko, Dr. Thomas Roessing, Prof. Michael Steinbrecher (alle IJ)
Repräsentation in Massenmedien spielt eine wichtige Rolle in Demokratien, so ist die Abbildung vielfältiger Perspektiven eine zentrale Aufgabe des Journalismus. In ihrem Vortrag gehen Kristina Beckmann und Leonie Krzistetzko stellvertretend für die Forschungsgruppe der Frage nach, wer sich in Deutschland vom Journalismus vernachlässigt und nicht repräsentiert fühlt. Dabei stellen sie auf Grundlage der Ergebnisse einer 2025 durchgeführten repräsentativen Befragung deutscher Erwachsener besonders heraus, inwiefern bestimmte Merkmale wie der Wohnort in Ost- oder Westdeutschland, das Alter, die Art des Schulabschlusses oder die Parteipräferenz die empfundene Vernachlässigung und das Gefühl mangelnder Repräsentation beeinflussen.
Die Ergebnisse sind im Kontext der multiperspektivischen Langzeitstudie „Journalismus und Demokratie“ unter Leitung von Prof. Michael Steinbrecher entstanden.
Structured Absences: Climate Change as a Blind Spot in African and European Migration Coverage
Merle von Berkum (EBI), Prof. Susanne Fengler (IJ) und Dr. Javier J. Amores (Pontificia Universidad Católica de Chile)
Der Beitrag, den Prof. Susanne Fengler präsentiert, untersucht, wie afrikanische und europäische Medien über Migration berichten und warum Klimawandel hierbei kaum vorkommt. Obwohl internationale Organisationen Klimawandel als wichtigen Treiber von Migration betrachten, bleibt er in der Migrationsberichterstattung weitgehend unsichtbar.
Auf Basis einer quantitativen Inhaltsanalyse von 1.848 Online-Artikeln (Mai 2023–April 2024) aus 30 Leitmedien in 15 europäischen und afrikanischen Ländern zeigt die Studie: Klimawandel wird nur selten erwähnt. Wenn Umweltaspekte vorkommen, beziehen sie sich meist auf akute Naturkatastrophen, nicht auf Klimawandel als langfristige strukturelle Ursache von Migration.
Der Grund liegt laut Analyse in den dominanten Nachrichtenlogiken der Migrationsberichterstattung: Sie ist stark politisch, national und krisenorientiert geprägt. Staatliche Akteure und politische Debatten dominieren, während langfristige Faktoren wie Klimawandel kaum Raum erhalten.
Die Studie zeigt damit, dass der Klimawandel in afrikanischen wie europäischen Medien ein struktureller blinder Fleck der Migrationsberichterstattung ist und dadurch wichtige Zusammenhänge zwischen Klimawandel, Ungleichheit und Migration in der öffentlichen Wahrnehmung unterbelichtet bleiben.
Socialist Screens: Framing Video Games in East German Media
Dr. Benjamin Bigl
Der Vortrag von Dr. Benjamin Bigl auf Basis einer qualitativen und quantitativen Inhaltsanalyse beleuchtet, wie Videospiele in den Medien der DDR zwischen technologischer Bildungsressource und ideologischem Gegenbild westlicher Populärkultur gerahmt wurden.
Anhand von Presse- und Fernsehbeiträgen zeigt er, wie autoritäre Kommunikation globale Kulturformen durch Aneignung, Abgrenzung und Rekontextualisierung in sozialistische Deutungsmuster integrierte.
Competition or Complementarity? The Role of Public Service Media in the Swiss German Online News Market
Lukas Erbrich (ehemals IJ), Prof. Manuel Puppis, Prof. Sina Blassnig (Universität Fribourg, Schweiz), Prof. Christian Zabel (TH Köln), Prof. Frank Lobigs (IJ)
Die Rolle öffentlich‑rechtlicher Medien im digitalen Nachrichtenmarkt wird in Europa kontrovers diskutiert. Private Medien argumentieren häufig, dass kostenlose öffentlich‑rechtliche Online‑Nachrichten die Zahlungsbereitschaft für kommerziellen Journalismus verringern. Empirische Belege dafür sind jedoch begrenzt.
Die Studie kombiniert eine repräsentative Umfrage mit einer Choice‑Based‑Conjoint‑Analyse, um den Einfluss des Online‑Angebots „SRF News“ auf den Schweizer Nachrichtenmarkt zu untersuchen. Während die Umfrage Nutzung und Zahlungsbereitschaft misst, simuliert die Conjoint‑Analyse Marktveränderungen bei einem Wegfall des Angebots. Prof. Manuel Puppis (Universität Fribourg) stellt die Ergebnisse stellvertretend für das Forschungsteam vor.
Die Ergebnisse, die Prof. Manuel Puppis (Universität Fribourg) stellvertretend für das Forschungsteam präsentiert, zeigen, dass vor allem kostenlose private Nachrichtenangebote profitieren würden, während die Nachfrage nach kostenpflichtigen Abonnements nur leicht steigen würde. Damit scheint der begrenzte Erfolg digitaler Abos eher auf kostenlose kommerzielle Angebote als auf öffentlich‑rechtliche Konkurrenz zurückzugehen. Zudem besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der Nutzung von „SRF News“ und der Zahlungsbereitschaft für digitalen Journalismus. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass öffentlich‑rechtliche Medien private Angebote eher ergänzen als verdrängen.
Re-centering the Periphery: Critical Approaches to Media Education on Migration in Africa
Michel Leroy (IJ) und Dr. Sara Namusoga-Kaale (Makerere University)
Dr. Michel Leroy stellt einen Beitrag vor, der untersucht, wie Medienbildung zur Verbesserung der Berichterstattung über Migration in Afrika beitragen kann. Die Studie basiert auf dem Erasmus+-Projekt CoMMPASS, das zwischen 2023 und 2026 vom Institut für Journalistik (IJ) geleitet wurde. Im Zentrum steht ein groß angelegter panafrikanischer Online-Kurs zu Medien und Migration in Afrika, der von einem Konsortium afrikanischer Universitäten entwickelt und über ein Netzwerk von 37 Partnerinstitutionen in 28 Ländern umgesetzt wurde.
Der Kurs wurde auf Englisch, Französisch, Kiswahili und Portugiesisch angeboten und erreichte mehr als 2.300 Journalist:innen, Journalismusstudierende sowie angehende Medienschaffende. Der Vortrag analysiert, wie mehrsprachige und grenzüberschreitende Lernumgebungen dominante Wissenshierarchien in der Journalistenausbildung hinterfragen, professionelle Reflexivität fördern und zu inklusiveren sowie stärker kontextbezogenen Formen der Migrationsberichterstattung beitragen können.
Der Beitrag beleuchtet sowohl die Chancen als auch die Herausforderungen transnationaler Initiativen der Medienbildung und knüpft damit an aktuelle Debatten über die Dekolonisierung der Journalistenausbildung sowie über lokal verankerte und zugleich international vernetzte journalistische Praktiken in Afrika an.
A Field Perspective on Public Media and Transparency: Tracing Policy Dynamics in Germany, Switzerland and the UK
Dominik Speck (IJ)
Angesichts tiefgreifender Veränderungen im politischen System, in der Medienlandschaft und in der Mediennutzung stehen öffentliche Rundfunkorganisationen (Public Service Media, PSM) zunehmend unter Druck, ihre privilegierte Stellung als öffentlich finanzierte Medienanbieter zu rechtfertigen. Um diesem Legitimationsdruck zu begegnen, haben Medienpolitik, Aufsichtsinstitutionen und öffentlich‑rechtliche Medienhäuser in vielen europäischen Ländern ihre Transparenzbemühungen ausgeweitet – etwa bei Finanzierung, Aufsicht, der Erfüllung des Programmauftrags und bei strategischen Entscheidungen.
Der Vortrag präsentiert Ergebnisse aus dem Promotionsprojekt von Dominik Speck und vergleicht Transparenzmaßnahmen und Rechenschaftspflichten in Deutschland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich in den vergangenen zehn Jahren. Die Studie verbindet organisationswissenschaftliche Transparenzforschung mit dem Media Policy Field Approach (Steen‑Johnsen et al.).
Grundlage sind eine qualitative Dokumentenanalyse und 35 Experteninterviews. Die Ergebnisse zeigen, dass Transparenz in allen drei Ländern zu einem wichtigen Instrument medienpolitischer Steuerung geworden ist. Zugleich bleiben grundlegendere Fragen der institutionellen Legitimation öffentlicher Rundfunkorganisationen im digitalen Zeitalter weitgehend unbeantwortet.